Kampfkunst und Kampfsport

An was denkst Du, wenn Du die folgenden Wörter hörst? Karate, Judo, Boxen, Kung Fu, Shaolin-Mönche, Ninjas, Wing Tsun, WingChun, Tai-Chi, Chigong und Krav Maga. Ist doch klar! Das hat alles mit Selbstverteidigung zu tun! Doch ganz so klar ist das eben nicht. Denn das meiste davon wird in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr zu diesem Zweck trainiert. Wer lernen möchte sich zu verteidigen, sollte jedoch wissen, welche Angebote es gibt und wofür sie stehen. Wir haben uns daher die Mühe gemacht, Dir in diesem Artikel einen groben Überblick über die Selbstverteidigungsszene zu geben.

Welche Waffe wählst Du?

Wie bereits erwähnt, ist es die Kernaufgabe der Selbstverteidigung Deine Gesundheit zu schützen. In einem reinen Selbstverteidigungsstil muss folglich zuerst einmal jeder andere Aspekt diesem entscheidenden Zweck untergeordnet werden. Zu diesen Aspekten gehören zum Beispiel Ästhetik, Fitness oder Religion. Diese helfen Dir nicht, Dich im Ernstfall erfolgreich zu verteidigen. Leider ist jedoch nicht überall wo Selbstverteidigung drauf steht auch Selbstverteidigung drin.

Wir wollen Dir das bildlich darstellen: Stelle Dir vor Du musst in einen Kampf um Leben und Tod ziehen und darfst dafür genau eine Waffe auswählen. Häufig wird so getan, als hättest Du die Auswahl zwischen einem Schwert, einer Axt oder einem Speer. Alles Waffen die unterschiedliche Vor- und Nachteile mitbringen, aber je nach Taktik für einen Kampf tauglich sind. In der Realität wird Dir aber oft die Wahl zwischen einem Schwert, einem Löffel und einem Besen angeboten. Löffel und Besen sind an sich sehr nützliche Werkzeuge, allerdings nicht für den Kampf geeignet.

Dein Selbstverteidigungsstil ist die Waffe mit der Du Dich im Ernstfall verteidigen musst, ihre Wahl ist daher essenziell. Natürlich ist die Wahl des richtigen Selbstverteidigungsstils nur die Grundlage, ohne die richtige Grundlage ist es jedoch schwer der Selbstverteidigungsfähigkeit nahe zu kommen. Im Folgenden versuchen wir Dir einen Überblick über die verschiedenen Hauptströmungen in der Selbstverteidigungsszene zu geben und jeweils einige bekannte Beispiele zu nennen. Beachte allerdings, dass diese Einteilung sehr generell und oberflächlich ist und es selbst innerhalb jedes Stils große Unterschiede geben kann. Dennoch wird aus einem Schwert selten ein Löffel und aus einem Löffel selten ein Schwert.

I. Die Mystischen: Shaolin-Mönche, Ninjas, Kung Fu,...

Gerade den asiatischen Kampfkünsten wird fast schon automatisch eine große Kompetenz in Sachen Selbstverteidigung zugeschrieben. Menschen aus Asien haben den meisterlichen Umgang mit dem Kung Fu gewissermaßen schon in den Genen.

Das ist natürlich völliger Unsinn! Ein Mensch asiatischer Herkunft wird genauso wenig mit Fähigkeiten im Kung Fu geboren, wie ein Mensch deutscher Herkunft als Dichter und Denker auf die Welt kommt. Selbstverteidigung erlernen ist mit viel Arbeit verbunden! Doch die Filmindustrie um Hollywood heizt den Mythos um die asiatischen Kampfkünste fleißig an. Während jeder erkennt, dass die Lichtschwerter aus Star Wars zwar cool, aber schlichtweg pure Erfindung sind, bleibt beim Thema Kampfkunst doch immer etwas hängen.

Die asiatische Kultur fasziniert uns Europäer, da sie voll von phantasievollen Erzählungen, Geschichten und Mythen ist. Entsprechend fasziniert sind wir, wenn wir von den flinken Ninjas und den unbesiegbaren Shaolin-Mönchen hören. Auch viele asiatischen Kulturen finden großen Gefallen an ausgeschmückten Geschichten. Mit der Wahrheit wird es da jedoch häufig weniger genau genommen. Man muss dazu wissen, dass es in einigen Kulturen nicht unredlich war die Wahrheit einer guten, geistreichen Geschichte zu opfern. Das ist auch im Bezug auf Kung Fu nicht anders gewesen.

In der Selbstverteidigung interessiert uns jedoch gerade die Wahrheit und die Funktionalität! Was bleibt denn übrig, wenn die Maske aus tollen Geschichten und Hollywood-Fiktionen fällt? Die ungeschminkte Wahrheit ist: Der Schlag ist der Schlag. Egal ob er von einem Asiaten oder einem Europäer ausgeführt wird.

II. Die Gesund-Macher: Tai-Chi, Chigong,...

Es gibt einige Stile mit Ursprüngen in den chinesischen Kampfkünsten, die sich auf Gesundheit und Fitness spezialisiert haben. Typische Vertreter sind in der Regel Tai-Chi oder Chigong. Grundsätzlich ist weder gegen Tai-Chi, noch gegen Chigong etwas einzuwenden, denn wer etwas für seinen Körper tun möchte, wird hier sicher finden was er sucht.

Problematisch wird es erst dann, wenn Vertreter dieser Stile neben dem Gesundheitsaspekt auch damit werben die Selbstverteidigungsfähigkeit zu trainieren. Ein Training das auf Gesundheit und Fitness optimiert ist, unterscheidet sich zwangsläufig stark von einem effektiven Selbstverteidigungstraining. Ein Selbstverteidigungs-Schüler trainiert natürlich auch ein Stück weit seinen Körper, jedoch mehr um die Durchschlagskraft und Schnelligkeit seiner Selbstverteidigungstechniken zu verbessern. Das jedoch als Gesundheits- und Fitness-Training zu bezeichnen wäre übertrieben. Umgekehrt muss bei einem Training mit Schwerpunkt Gesundheit und Fitness häufig die Funktionalität einer Übung aufgegeben werden – es wird in der Regel weder die nötige Geschwindigkeit für eine echte Kampfsituation, noch das visuelle Erkennen von Angriffen trainiert. Daran kann auch die Historie des Stils nichts ändern.

Wenn also gleichermaßen mit Selbstverteidigung und Fitness geworben wird, so ist immer etwas Vorsicht geboten. Der Fokus kann nur auf einem von beiden liegen. Es ist grundsätzlich nicht möglich Selbstverteidigung mal nebenbei mit zu lernen. Wer beides trainieren möchte, muss folglich auch den doppelten Aufwand investieren.

III. Die Sportler: Karate, Judo, Boxen,...

Jeder hat wohl schon einmal von den typischen Vertretern der Kampfsportszene gehört: Karate, Judo und Boxen. Ihre hohe Bekanntheit verdanken sie vor allem der medienwirksamen Repräsentation bei Turnieren und der Anwesenheit von Vereinen und Schulen in fast jeder Stadt.

Nicht selten wird der Begriff Kampfsport mit den Begriffen Kampfkunst und Selbstverteidigung gleichgesetzt. Das ist allerdings so nicht richtig, denn der große Unterschied besteht im Wort 'Sport'. Der Schwerpunkt von Sport liegt auf körperlicher Betätigung, Unterhaltung und Spaß. In Wettkämpfen wird eine eigene Realität mit Schutzausrüstung, Regeln, Gewichtsklassen und Geschlechtertrennung aufgebaut. Diese alternative Realität hat mit der Realität auf der Straße jedoch genauso wenig zu tun, wie mit effektiver Selbstverteidigung. Ein echter Kampf ist niemals fair, genauso wenig wie er unterhaltsam ist.

Die meisten dieser Sportarten sind zwar tatsächlich einmal für die Selbstverteidigung entwickelt worden, wurden jedoch in der Neuzeit weitestgehend versportlicht. Es ist nicht ungewöhnlich, dass 'gefährliche' Techniken, wie zum Beispiel Schläge, komplett entfernt oder absichtlich falsch ausgeführt werden. Der Trainingspartner soll schließlich nicht verletzt werden. Dem Erfolg im Wettkampf und der Unterhaltung der Zuschauer wird der Selbstverteidigungsaspekt geopfert. Einige Elemente des Kampfsports können sogar zu einer Verschlechterung des Selbstverteidigungsfähigkeit führen. So ist es nicht überraschend, dass selbst hoch graduierte Kampfsportler das Einschätzen der richtigen Schlagdistanz nie trainiert haben, denn das würde schließlich ebenfalls den Trainingspartner oder Wettkampfgegner gefährden. Es muss nicht erwähnt werden, dass allein dieser Punkt in einer echten Selbstverteidigungssituation die sofortige Niederlage bedeuten kann.

Damit soll der Kampfsport nicht grundsätzlich schlecht gemacht werden, denn viele Kampfsportler trainieren ihr Hobby beneidenswert hart und mit viel Leidenschaft. Durch ihre Erfahrung und Körperbeherrschung haben sie es oft leichter beim Erlernen eines reinen Selbstverteidigungsstils. Bedauerlicherweise kommt es aber häufiger vor, dass Schüler aus Karate, Judo, Boxen, etc. zu uns kommen, die davon überzeugt waren, sie hätten bereits viele Jahre Selbstverteidigung gelernt. Das stellt sich dann schnell als Illusion heraus, denn dafür sind die meisten dieser Sportarten genauso wenig geeignet wie Fußball, Handball oder Gymnastik.

IV. Die Träumer: Wing Tsun, Wochenendseminare,...

Gerade in der Selbstverteidigungsszene gibt es die merkwürdigsten Entwicklungen. So werben einige Schulen und Stile damit, dass sie ihren Schülern lehren, Angriffe ganz ohne Kraftaufwand aufnehmen und gegen den Angreifer wenden zu können. Einige gehen sogar noch weiter und behaupten (körperliche) Schwäche würde einem einen Vorteil gegenüber stärkeren Angreifer geben. Der Angreifer besiegt sich gewissermaßen selbst! Ist das nicht toll?

Wenn Dir jemand eine E-Mail schickt und behauptet, Du könntest bei ihm Geld ohne Arbeit verdienen, wo landet diese dann in der Regel? Richtig! Im Papierkorb! Was bei der E-Mail schnell als 'zu schön um wahr zu sein' identifiziert wird, findet in der Selbstverteidigung leider immer wieder begeisterte Abnehmer. Natürlich ist es möglich einen körperlich überlegenen Angreifer zu besiegen, das macht er jedoch nicht selbst für Dich, sondern ist mit Arbeit und Anstrengung von Deiner Seite verbunden. Selbstvertständlich benötigt man dazu auch Kraft, in einer Gefahrensituation setzt Du schließlich alles ein, was Du hast.

Mit besonderem Bedauern muss man feststellen, dass dieser Weg auch von vielen Stilen gegangen wird, die einen gemeinsamen Ursprung mit dem WingChun besitzen. So existiert eine Vielzahl von ähnlich klingenden Schreibweisen (Wing Chun, Wing Tsun, Ving Tshun,…) für Stile mit dem selben Ursprung, die sich jedoch in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt haben und sich bereits in ihren Grundsätzen stark unterscheiden.

Ähnliche Versprechen bieten auch zeitlich begrenzte Selbstverteidigungskurse, bei denen man in kurzer Zeit Selbstverteidigung lernen soll. Diese sind höchstens zum Kennenlernen einer Kampfkunst hilfreich. Keiner käme auf die Idee Klavier spielen in 2 Wochen oder sogar an einem Wochenende zu lernen. Dennoch erfreuen sich solche Angebote in der Selbstverteidigungsszene großer Beliebtheit. Nur regelmäßiges Training und kontinuierliche Verbesserung können Dich dauerhaft zur Selbstverteidigungsfähigkeit führen. Alles andere ist Wunschträumerei und schlichtweg unrealistisch.

V. Die Modernen: Krav Maga, diverse Mischstile,...

Besonders in den letzten Jahren sind die Stile auf dem Vormarsch, die sich modern und fortschrittlich präsentieren. Ein vergleichweise bekannter Vertreter ist das Krav Maga. Weitere Stile mit kreativen, meist englischen und modernen Namen wachsen jedoch wie Pilze überall aus dem Boden, sind jedoch in der Regel höchstens lokal bekannt.

Viele dieser Stile wurden häufig von Menschen entwickelt, die eigentlich Kampfsport betrieben haben und feststellen mussten, dass dieser nicht für die Selbstverteidigung geeignet ist. Auf der Suche nach mehr Realitätsnähe werden dann Trainingsformen wie der Freikampf oder das so genannte Sparring betrieben, in dem Menschen in dicke Polster gepackt werden und aufeinander einprügeln. Leider verhält sich ein Mensch im Schutzanzug nicht wie ein echter Mensch auf Straße, denn ihm kann ja nichts passieren. Das Schlagen auf Pratzen und Schutzausrüstung mag ein tolles Gefühl sein, sie wehren sich jedoch nicht und können keinen geübten Gegner ersetzen.

Im Krav Maga und anderen besagten Stilen wird mit diesen pseudo-realistischen Trainingsmethoden oft versucht technische Defizite zu kompensieren. Das eigentliche Problem, nämlich Techniken, die für die Selbstverteidigung ungeeignet sind, wird nur selten angegangen. Statt dessen wird gerne auch mal 'das Beste' aus verschiedenen Stilen gemischt und als die große Neuheit angepriesen. Um in unserem bildhaften Beispiel zu bleiben: Ein halber Löffel und ein halber Besen ergeben leider immer noch kein Schwert.

Ein effizienter Stil muss alle Bereiche und Situationen berücksichtigen und daraus ein in sich geschlossenes System schaffen, das keine Fragen offen lässt. Statt eines geschlossenen Systems findet man jedoch nur eine wirre Sammlung von Techniken vor und ein Verständnis für die Geometrie eines Kampfes kann niemals entwickelt werden. Auf Polster zu schlagen oder zu treten mag dem Selbstbewusstsein gut tun, das alleine hilft jedoch nur gegen einen ungeschulten Gegner. Sich gegen diesen zu verteidigen, ist allerdings nicht wirklich eine Kunst.

VI. Die Realisten: WingChun,...

Eine Hand voll Stile, wie das WingChun, zeichnet sich durch einen besonders starken Fokus auf Realismus aus. Eine Selbstverteidigungssituation lässt sich nicht einfach nachbilden. Vor allem Wett- und Freikämpfe erscheinen auf den ersten Blick realistisch, müssen jedoch Einschränkungen machen. Wären sie realistisch, so würden sie stets in schweren Verletzungen mindestens eines Teilnehmers enden. Die nötigen Einschränkungen, wie Regeln oder Schutzausrüstung, machen diese Trainingsform im hohen Maße unrealistisch.

Ein reiner Selbstverteidigungsstil muss folglich auf diese Trainingsform verzichten. Das Training muss stattdessen in allen Übungen und zu jeder Zeit realitätsnah bleiben. Ausgehend von dieser Basis müssen Kraft, Schnelligkeit und Technik ständig trainiert werden. Ausdauer und Kondition tragen hingegen nicht direkt zur Selbstverteidigungsfähigkeit bei, da eine kämpferische Auseinandersetzung nie länger als 5 Sekunden dauern darf. Diese und andere Bereiche müssen somit zu Gunsten der kampfentscheidenden Eigenschaften nachrangig behandelt werden.

Realismus, Kraft, Schnelligkeit und Technik müssen jedoch durch das Verständnis der Technik und das Erkennen von Situationen ergänzt werden. Nur so kann letztendlich die richtige Aktion oder Reaktion erfolgen und die Auseinandersetzung erfolgreich beendet werden.

Im eigentlichen Sinne des Wortes 'Selbstverteidigung' dürften folglich nur die Stile genannt werden, die sich diesen Grundsätzen voll und ganz verschrieben haben. Leider gibt es von diese nur wenige, zumeist bleibt es nur bei leeren Worten.

Was das für Dich bedeutet

Jetzt solltest Du Dir zu Recht die Frage stellen: Woran erkenne ich denn jetzt einen echten Selbstverteidigungsstil? Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Indizien wie Wettkämpfe, Freikämpfe oder übermäßige Gesundheits- und Fitnessversprechungen sind schon mal ein starkes Zeichen dagegen.

Praktisch lässt sich das jedoch selten erkennen, denn der Begriff 'Selbstverteidigung' ist nicht geschützt und kann von jedem verwendet werden. So kann man sich selbst zum Beispiel den Namen 'Fachschule für Selbstverteidigung' geben. Das klingt schön und erweckt Vertrauen – ob das tatsächlich gerechtfertigt ist, bleibt jedoch ungewiss. Das ist vor allem zum Nachteil der potentiellen Schüler, denn diese gehen ja gerade zu einem Experten, da sie selbst in der Regel nicht über die entsprechende Fachkenntnis verfügen.

Es ist jedoch nicht ungewöhnlich, dass der vermeintliche Fachmann sein Wissen an einem Wochenendkurs erworben hat oder häufig selbst weniger trainiert als seine eigenen Schüler. Ironischerweise sind sogar viele Menschen vollkommen überzeugt davon sie würden Selbstverteidigung beherrschen, ohne in ihrem Leben schon mal einen echten Schlag abgewehrt zu haben.

Tatsächlich ist die Chance in einer vermeintlichen Selbstverteidigungsschule zu landen deutlich höher, als an eine echte zu geraten. Denn nahezu jeder der genannten Stile wirbt in irgendeiner Form mit Selbstverteidigung. Für denjenigen, der sich einfach nur sportlich betätigen will oder ein Hobby sucht, mag es absolut in Ordnung sein Karate, Wing Tsun, Judo oder Krav Maga zu betreiben. Wer allerdings nach einer Möglichkeit sucht sich effektiv zu verteidigen, der hat schnell ein großes Problem.

Der nächste Schritt

Auf der nächsten Seite erklären wir Dir was die IAW mit diesem Problem zu tun hat. Halt! Nicht so schnell! Wer oder was ist denn die IAW? Auch die Antwort auf diese Frage erfährst Du auf der nächsten Seite.

Die IAW